31c3 - A new dawn

Der 31. Chaos Communication Congress, kurz 31c3, fand 2014 von Samstag, den 27.12., bis Dienstag, den 30.12., im CCH in Hamburg statt.
Da ich am Wochenende noch auf weihnachtlichem Familienbesuch war, konnte ich erst am Sonntag gegen ca. 18 Uhr vor Ort sein.
Hackerethik Am Samstag habe ich mir aus der Ferne zwei Talks mit dem hervorragenden Streaming angeschaut. Als erstes habe die Keynote von Alec Empire ("Atari Teenage Riot") gesehen. Leider hat er sehr stark vom Zettel abgelesen und damit seine Inhalte nicht so gut rübergebracht. Ein außergewöhnlicher Keynote-Sprecher für einen CCC, aber meiner Meinung nach trotzdem eine gute Wahl. Denn die Verbindung von Hacken + Kunst + Protest sollte näher und stärker werden.

Als zweites hab ich "10 Jahre OpenStreet-Map" angeschaut. Leider ein weniger guter Vortrag, in dem sehr oberflächlich das Projekt vorgestellt wurde. Die Sprecher haben versucht aufzuzeigen, welches Eco-System sich entwickelt hat und wo jedermann dem Projekt helfen kann.

Aus der Ferne habe ich mich aber via Twitter (#31c3 & den CCC-Accounts) und unserer privaten Threema-Gruppe gut angebunden gefühlt.

Am Tag 2 (Sonntag) bin ich dann gegen 17:30 Uhr angekommen. An dem Tag gab es keine Tagestickets mehr, aber ein normales Ticket war kein Problem. Mein erster Weg führte durch die Assemblies, am Sendezentrum und an den Ständen der diversen Projekte vorbei.
Assemblies Mein erster Vortrag war dann "Vor Windows wird gewarnt", der ganz amüsant/erschreckend anhand von Security Patches von Microsoft aufgezeigt hat, dass das so genannte "Trusted Computing" eine schlechte Idee ist. Sehr gut vorgetragen, allerdings auch eher Entertaining anstatt eine Ausführung technischer Informationen.

Genauso ging es dann im Vortrag "Internet of Toilets" weiter. Dort wurden diverse Projekte vorgestellt, in denen es darum ging, wie Hacker in der Vergangenheit Toilettenkabinen, Toiletten selbst oder die Toiletten von Katzen mit Sensoren und Umbauten gehackt haben. Im Prinzip wurde das Ergebnis einer entsprechenden Internetrecherche recht locker vorgestellt. Mitgenommen aus diesem Talk: Man kann ohne großen Aufwand seinen Klo-Wasser-Kasten so umbauen, dass das Spülwasser mit einem Wasserhahn und kleinem Spülbecken direkt auf dem Wasserkasten ebenfalls zum Hände waschen benutzt werden kann.
OldSchoolMachine Natürlich muss man auf dem Congress immer Kompromisse eingehen. So konnte ich auch der Livesendung von "Logbuch Netzpolitik"(Video) auf der Bühne des Sendezentrums nicht beiwohnen. Die iPhone-App "Congress" von Thomas Kolbach (@mrmoto) hat sehr geholfen, den Überblick darüber zu behalten, welcher Vortrag als nächstes läuft und - vor allem - wo.

Als Abschluss meines persönlichen Tages 2 bin ich in den Vortrag "Reconstructing Narratives" im großen Saal 1 gegangen. Hier haben die Journalisten Jacob Appelbaum und Laura Poitras die Dokumente aus ihrer neuesten "Der Spiegel"-Veröffentlichung vorgestellt. Sehr gut vorgetragen und relativ harte Kost. Andererseits war man ja schon Einiges vom letzten Jahr gewöhnt. Mitgenommen: Nur wenige Verschlüsselungen sind sicher (PGP & OTR), manch' andere sind sehr schwer zu knacken (TOR) und Verschlüsselung sollte immer auf lange Sicht stattfinden, da hier encrypted Daten aufbewahrt werden, um sie mit Supercomputern und dem Program "Longhaul" eventuell später entschlüsseln zu können.
Landschaft Am Tag 3 (Montag) bin ich auf Grund der Silvester-Einkaufstour leicht verspätet zum Vortrag von Richard Stallman "Freedom in the computer and the net" gekommen. Sehr radikale Thesen, zum Teil erstrebenswert, aber größtenteils auch sehr weltfremd.

Danach habe ich den halben "Jahresrückblick des CCC" gesehen. Wie immer eine Rückschau auf das Jahr aus dem Blickwinkel des Clubs, vor allem des Presseteams. In einer ruhigen Minute guckte ich das noch zu Ende, aber mein Mittagshunger gekoppelt mit leichtem Vom-Vortragsstil-angenervt-sein haben mich rausgetrieben.
ViererTetris Nach meiner Pause und ein wenig Chillen ging es in den Vortrag "Deine Rechte sind in diesem Freihandelsabkommen nicht verfügbar" von campact. Dort haben zwei Mitarbeiterinnen ihre Arbeit vorgestellt und Informationen zu diversen Freihandelsabkommen vermittelt. Mitgenommen: Diese Abkommen dienen vor allem den Unternehmen und müssten verhindert/gestoppt werden. Außerdem könnten Politiker super durch (kleinere) Aktionen von Bürgern vor Ort getrollt bzw. genervt und für Themen sensibilisiert werden. Guter Vortrag.

Zum Abendessen gings dann mit zwei Kumpels zur "L'Osteria", wo es sehr voll war (31c3-Besucher und Oper-Besucher). Wir haben auf unsere Pizza ca. 30 Minuten gewartet.
Lightshow Zurück im CCH sind wir erstmal auf ein Bier in die Musiklounge und haben uns da die Kunstinstallationen angeschaut. Bei den Vogelgeräuschen, die durch Lichtsensoren aktiviert werden konnten, habe ich es nach zwei Minuten nicht mehr ausgehalten. Die Installation war toll, aber das Gezwitscher war nicht mehr zu ertragen. Wir haben kurz mit dem Konstrukteur gesprochen. Keine Ahnung, wie der Typ über die Arbeit daran nicht total wahnsinnig geworden ist.
Lichtkunst Nebenan gab es einen Laserraum, wo man sich zwischen roten Laserstrahlen ganz Mission-Impossible-mäßig hindurchschlängeln sollte. (Leider nicht ausprobiert.) Außerdem gab es noch eine schöne Lichtinstallation. Insgesamt war der Raum wieder echt cool gestaltet. Mit echten Containern, einer aus Holz gezimmerten Bar und schönen "Balkonen" auf den Containern.
Band Auf der Bühne spielte eine dreiköpfige Band. Schlagzeug, Bass und Keyboard mit gelegentlichem Gesang. Sehr schön anzuhören. Leider weiß ich den Namen nicht.

Ich bin dann mal rüber ins Sendezentrum gegangen, um den Herren vom "Bildungstrinken" und dem "Cocktailpodcast" zuzuhören. Leider war es dort ziemlich überfüllt und ich konnte mich nur irgendwo dazwischenquetschen. Es war ein interressanter Talk vom Besitzer des "Le Lion", in dem es darum ging, wie es funktioniert, eine Bar zu hacken ("How to Hack A High-End Cocktail Bar"). Nichts weltbewegend Neues, aber doch unterhaltsam. Werde ich mir noch mal komplett anhören.

Ich bin dann mit Batterie-Not kurz in die Musiklounge und habe mir einen Akku-Pack ausgeliehen. (Note-to-self: Akkupack vor dem nächsten Congress kaufen.) Dort spielte inzwischen "Janina rockt" solo an der Gitarre. Von irgendeinem Hamburger Straßenfest kannte ich sie schon. Gute Sängerin!

Dann bin ich mit leichter Verspätung (und einem "Tschunk" intus) in den Vortrag "Axoloti" gegangen. Ziemlich abgefahrenes Do-It-Yourself Audio-Processing-Gedöns. Nicht komplett verstanden, könnte aber mal ein erstes Hardware-Projekt von mir werden.

Ich glaube, zwischen DIY-Audio und dem nächsten Vortrag war ich noch mal kurz an der exzellenten Bar im vierten Stock hinter dem Saal 1 und habe einen Gin & Tonic genossen.

Dann habe ich mir "Computer Science in the DPRK" angeschaut. Das war ein kurzweiliger Einblick in die Informatik von Nord Korea mit dem Highlight, das landeseigene Betriebssystem "Red Star" live zu sehen. (Auch strange: Die haben ein landesweites Intranet mit eigenen Webadressen (DNS).)
Cocktailbar Dann wieder zurück zu 'Basis': Die gute Bar im vierten, wieder diverse Leute getroffen und gequatscht.

Von dort wieder aufgebrochen, um den Vortrag "The Machine To Be Another" anzuschauen. Sehr gute Entscheidung! Die Beschreibung hörte sich sehr wirr an, aber dieser Vortrag ist eine definitive Empfehlung. Ein Kunstprojekt mit dem Ziel, dass eine Person sich möglichst gut in eine andere Person hineinversetzen kann. Etwas überspitzt: Das könnte ein Werkzeug zum Weltfrieden sein. Leider habe ich die Live-Demo am vierten Tag verpasst. Empfehlenswerter Vortrag.

Danach leicht euphorisch mit diversen Menschen an der (Erwähnte ich es schon?:) grandiosen Bar im vierten Stock Erlebnisse von Vortragbesuchen ausgetauscht. Und lecker Gin-Cocktail geschlürft.
Sendezentrumbuehne Mein letztes Event ab circa Mitternacht war dann die Late Night mit Tim Pritlove im Sendezentrum, weil dort in letzter Minute bekannt gegeben wurde, dass Holgi der Gast sein würde. Also eine 'NSFW' Reunion (Video)!
Es war so voll, dass ich mich ca. 15 Meter von der Bühne entfernt hingesetzt und den Stream geschaut habe. (Der Zeitversatz war teilweise echt seltsam. Großes Gelächter neben mir und ich wusste erst eine Minute später, wieso gelacht wurde.) Die letzte halbe Stunde habe ich von der Seite aus direkt live zugeschaut.

Um ungefähr 1:30 Uhr konnte ich nicht mehr. Habe auf dem Weg nach draußen noch kurz in die Lounge geschaut. Es wurde getanzt! Dann ging's mit dem Taxi ab nach Hause.
HighSpeedFoto Am Tag 4 bin ich wieder leicht verspätet zum ersten Vortrag "Low Cost High Speed Photography" gekommen. Mit relativ einfacher Hardware und Schritt-für-Schritt-Anleitung wurde gezeigt, wie man tolle Highspeed-Aufnahmen machen kann. Der Vortrag war klar strukturiert und gab viele Tipps zum Nachahmen. Auch eine klare Empfehlung!
OldSchoolConsolen Von 12:30 Uhr bis ca. 15:15 Uhr haben wir Mittag gegessen und sind überall rumgelaufen, haben ein wenig auf alten Spielekonsolen gezockt und uns die Assemblies angeschaut. (Der größte 3D-Drucker of the world!)
Dann haben wir unsere Plätze in Saal 1 gesichert. Dort wurde der Kurzfilm "We love surveillance" (auf YouTube) von Alexander Lehmann gezeigt, bevor der Vortrag "Paypals War on Terror" startete. Dort haben zwei der Angeklagten "Paypal14" von ihrem Rechtsfall und den größeren Zusammenhängen erzählt. Ein interessanter (Teil-)Einblick in die Welt von Anonymous. Der Ethik-Part war zumindest für mich etwas fragwürdig. Wenn man sich mit dem Thema beschäftigen will: Sehenswert.

Gesichert haben wir uns die Plätze ja auch im Prinzip für den Vortrag "Security Nightmares" von Ron und Frank, welcher ein jährliches Highlight ist. Es gab wieder einen lockeren Rückblick auf die in der Vergangenheit getroffenden Vorhersagen und einen Ausblick auf die Zukunft. Den zweiten Teil muss ich noch nachholen, da ich los musste. Die Nightmares waren wieder typisch sarkastisch. Anders kann man auch manche Dinge eben nicht betrachten. Da, wo man früher von "Aluhüten" sprach, muss man heute genauer hinhören.

Das war mein persönlicher 31c3. Ich werde den einen oder anderen Vortrag noch anschauen und so bestimmt den einen oder anderen Denkanstoß mitnehmen.

Sicher ist: Ich bin nächstes Jahr auch wieder dabei.


Andere Blogposts zum 31c3:
Jules Fliegt: How to survive congress

Hier also meine Kongresserfahrung als autistischer Mensch mit ziemlich starker Wahrnehmungsverarbeitungsstörung

Mit Anregungen für das nächste Jahr.

Das Nuf: 31c3 - Kommt alle

Ich habe mich sehr willkommen gefühlt. An keinem Punkt gab es auch nur im geringsten das Gefühl unerwünschter Fremdkörper zu sein. [...] Für mich war “A new dawn” aber auch eine generelle Öffnung der Hackercommunity, die ja zweifelsohne Wurzel des ccc-Kongresses ist, gegenüber der breiten Bevölkerung.

Ein schöner Bericht einer Erstbesucherin.

CCH31C3

ps.: es gibt neben der Videoplattform des CCC auch einen offiziellen YouTube-Kanal. (zu YouTube-Sharing siehe auch: Blogpost)